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Buschfliegen in Alaska

INTO THE WILD

Ob See, Flussbett, Waldschneise oder Schotterpiste: Bei der Wahl ihrer Landeplätze sind Alaskas Buschpiloten nicht zimperlich. Wer in diesem harten Geschäft Jahrzehnte überlebt, der hat den Nimbus des Helden zu Recht. So wie der schweigsame Don Lee.

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Dort hinten gehen wir runter”, schallt Dons Stimme durch das Headset, während die kleine Piper über die ausgedehnte Flusslandschaft im Herzen Alaskas brummt. Das geschulte Auge des schnauzbärtigen Buschpiloten hat in dem Wirrwarr aus unzähligen Flussläufen, breiten Sandbänken und der alles umgebenden Wildnis einen Landeplatz ausgemacht: eine Kiesbank mitten im Fluss! Die Maschine dreht noch eine letzte Runde über der angepeilten Stelle, dann geht es steil hinab. Faustgroße Steine, Treibholz und Buschwerk wohin man auch blickt. Donnernde Wassermassen begrenzen die erschreckend kurze Landebahn auf allen Seiten. Don drosselt den Motor undbringt uns in Landeposition. Dann geht alles ganz schnell.

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Was sich nach einem Alptraum anhört und den meisten mitteleuropäischen Piloten wohl den Angstschweiß auf die Stirn treiben würde, ist für Don Lee Alltag. Nach mehr als 17000 Flugstunden, die meisten davon in Kleinflugzeugen über Alaska, bringt den ergrauten Buschpiloten so schnell nichts aus der Ruhe. Und tatsächlich: Die vermeintliche Bruchlandung bleibt aus, und die Piper gleitet fast sanft auf ihren übergroßen Tundrareifen über die Kiesbank. Nach wenigen Metern kommt sie zum Stehen – eine Landung wie aus dem Lehrbuch.

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Nicht jeder Flug in Dons 40-jähriger Laufbahn lief so rund, mit seinen haarsträubenden Abenteuern könnte er ganze Bücher füllen. Zurückhaltend und bescheiden wie er ist, verliert der Buschpilot aber nur selten ein Wort darüber. Nur manchmal, wenn er nach getaner Arbeit vor seinem idyllischen Haus mit Seeblick und eigenem Hangar sitzt, lässt er sich eine der alten Geschichten entlocken, von denen er so einige auf Lager hat. So endete zum Beispiel ausgerechnet sein erster Flug in einem Kleinflugzeug im Jahre 1974 mit einer Bruchlandung, zum Glück mit glimpflichem Ausgang. Damals saß Don allerdings noch nicht selbst hinter dem Steuer. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade erst mit seinen jugendlichen 18 Jahren aus Minnesota in das verheißungsvolle Alaska gekommen, das er bis dato nur aus Büchern und Erzählungen kannte.

DON LEE IST EIN SCHWEIGSAMER MANN. SEINE
GESCHICHTEN MUSS MAN IHM ENTLOCKEN

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Ein paar Jahre harter Arbeit und etliche Abenteuer später konnte er sich endlich seinen Traum von der Pilotenlizenz erfüllen. Doch seine erste Bruchlandung sollte bei Weitem nicht seine letzte gewesen sein. Mehrmals konnte er das Flugzeug in den folgenden Jahren nach einem Crash nur kriechend und mit schmerzhaften Verletzungen verlassen. Ende der 70er Jahre stürzte er bei schlechtem Wetter während einer Rettungsmission auf der Suche nach einer vermissten Maschine ab und musste schwer verletzt mehrere Wochen im Krankenhaus verbringen.

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Einige Jahre später überlebte er auf einer Suchaktion unweit des Denali, mit 6194 Meter der höchste Berg Nordamerikas, nur mit großem Glück einen weiteren Absturz mitten in der Wildnis. Erst einige Tage später erreichte er wieder die Zivilisation, und das aus eigener Kraft. Die größte Herausforderung für Piloten ist im weitläufigen und dünn besiedelten Alaska das Wetter.

OB WASSERFLÄCHE, TROCKENES FLUSSBETT ODER EINSAME
STRASSE: LANDEPLÄTZE BIETET ALASKA REICHLICH

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Fast ein Drittel der Fläche Alaskas liegt nördlich des Polarkreises, und die Wetterverhältnisse können sich hier mitunter schnell ändern. Eben herrscht noch Sonnenschein, dann machen plötzlich Wolken, Regen und Sturm den Flug zum Albtraum. Im Winter sind Temperaturen von -40 Grad Celsius keine Seltenheit. Selbst kleinste Mengen Wasser im Tank können dann zum Problem werden. Abseits der wenigen Städte sind die Piloten infolge fehlenden Funkkontaktes außerdem meistens völlig auf sich allein gestellt. Die Orientierung an Flüssen und Bergen oder gar einzelnen markanten Bäumen und besonderen Bodenmarken wie Hundeschlitten-Trails, die gut aus der Luft auszumachen sind, verlangen Ortskenntnis und das richtige Gespür. Ganz wichtig dabei: „Niemals den Boden aus den Augen verlieren!“, sagt Don.

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Bei all den Schwierigkeiten verwundert es nicht, dass die Unfallrate in Alaska mehr als doppelt so hoch ist wie im Rest der USA. Doch das alles ändert nichts an der herausragenden Bedeutung der Kleinflugzeuge in Alaska. Unterschiedliche Quellen gehen davon aus, dass hier ungefähr jeder sechzigste der 736000 Einwohner eine Pilotenlizenz hat. Der 49. und nördlichste Bundesstaat der USA ist knapp fünfmal so groß wie Deutschland und ein wahres Paradies für Buschpiloten. Hunderte Landepisten, mehr als 20000 meist einsame Straßenkilometer und vor allem die mehr als drei Millionen Seen bieten jede Menge potenzielle Landeplätze.

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Viele Bewohner Alaskas steigen mit der gleichen Selbstverständlichkeit ins Flugzeug, mit der ein Europäer sich hinter das Steuer seines Autos setzt, um zum Beispiel in der nächstgrößeren Stadt die Vorräte aufzufüllen. In vielen Fällen zwingt allein das begrenzte Straßensystem zum Ausweichen auf das Flugzeug. Mehr als 80 Prozent aller Kommunen, darunter sogar Juneau, die Hauptstadt Alaskas, besitzen überhaupt keine Anbindung an das Straßennetz. Ohne Boot oder Flugzeug ist man dort schnell völlig aufgeschmissen.

MIT DEM FLIEGER ZUM SUPERMARKT DÜSEN
IST IN ALASKA NICHTS UNGEWÖHNLICHES

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Zu den beliebtesten Kleinflugzeugen zählen die legendäre Piper PA-18 Super Cub sowie deren Nachfolger. Sie ist seit 1949 im Einsatz und mittlerweile der Inbegriff des Buschflugzeuges. Neben dem relativ erschwinglichen Preis machen die Zweisitzer vor allem ihre Robustheit und die Fähigkeit kürzester Starts und Landungen so attraktiv. Weitere Klassiker der Buschfliegerei sind Cessna 180 und de Havilland DHC-2 Beaver. Ausgerüstet mit Skiern, Tundrareifen oder Schwimmern können die Maschinen auf Gletschern, Seen und Flüssen, Kiesbänken, Stränden und sogar kleinen Lichtungen landen.

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Was woanders als Off-Airport-Landung gilt, ist hier in Alaska völlig normal. Solange jemand die größten Steinbrocken oder Baumstämme auf die Seite geräumt hat, geht fast alles als Landeplatz durch. Don ist zwar nur einer von Tausenden Piloten in Alaska, allerdings nicht irgendeiner. Seine vielen Abenteuer und sein bewegtes Leben haben ihn zu einer Berühmtheit unter Buschpiloten gemacht. Bücher und Fernsehreportagen berichten über ihn und seine Fliegerei, die ihn mit den Jahren von Alaska bis nach Südamerika und Afghanistan geführt hat.

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Mittlerweile lässt es Don allerdings etwas ruhiger angehen. Früher saß er fast pausenlos am Steuer. Gerade von einem Versorgungsflug zu einem entlegenen Ort zurückgekehrt, ging es gleich wieder in die Luft, um zum Beispiel Bergsteiger auf einem Gletscher abzusetzen. Mehr als 5000 Gletscherlandungen hat er gemeistert. Irgendwann wurde das selbst Don zu viel, und im Jahre 2004 eröffnete er seine Flugschule „Alaska Floats and Skis“. Seitdem kommen jedes Jahr Piloten aus der ganzen Welt zu ihm, um das Handwerk des Buschpiloten zu erlernen und von seinem Erfahrungsschatz zu profitieren.

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Ob Gletscherlandungen, Flüge mit dem Wasserflugzeug oder simulierte Notlandungen auf dem Highway, Don bringt seinen Schülern all das bei, was die Fliegerei in Alaska so besonders macht. Meistens ist er dabei in einer leicht modifizierten Piper PA-22/20 mit 160 Pferdestärken unterwegs. Neben der reinen Flugerfahrung ist Don immer darauf bedacht, seinen Klienten auch die Schönheit und Einzigartigkeit der Natur Alaskas zu vermitteln. Eine Unterrichtseinheit im Wasserflugzeug lässt sich zum Beispiel immer gut mit einem kleinen Angelausflug verbinden. Häufig gibt es auch die Möglichkeit, Grizzlybären und Elche vom Flugzeug aus zu beobachten. Für viele Schüler aus den Lower 48, wie man in Alaska die anderen Bundesstaaten der USA nennt, ist das ein unvergessliches Erlebnis.

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Doch nicht nur fliegen muss ein guter Buschpilot können, auch Improvisationstalent ist gefragt. Nicht selten muss eine kleine Reparatur nach einer besonders ruppigen Landung noch vor Ort in der Wildnis durchgeführt werden. Und nicht immer ist gleich das richtige Originalteil zur Hand. Auch Don hat sich schon in jungen Jahren das nötige Knowhow angeeignet und kann fast alle Reparaturen an seinen Flugzeugen selbst durchführen. Und es scheint ihm auch noch Spaß zu machen, wenn er ölverschmiert in seinem Hangar an der Werkbank steht.

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Diese Freude an seiner Arbeit ist das, worauf es wirklich ankommt, wie Don immer wieder betont. „Du wirst in deinem ganzen Leben keinen einzigen Tag arbeiten müssen, wenn dir das, was du tust, wirklich Spaß macht“, so sein Motto. Neben besagtem Improvisationstalent sind natürlich auch eine gewissenhafte Wartung des Fluggerätes und eine gründliche Vorbereitung essenziell. Zusammen mit einem Survival-Kit hat Don auch immer eine Schusswaffe zur Bärenabwehr dabei, manchmal einfach per Spanngurt unter der Tragfläche fixiert. „Sicher ist sicher“, meint er nur und denkt dabei bestimmt an seine unzähligen Bärenbegegnungen.

DU MUSST IN DEINEM LEBEN NICHT EINEN TAG ARBEITEN,
WENN DIR DAS, WAS DU TUST, WIRKLICH SPASS MACHT

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Die Buschfliegerei hat in Alaska eine lange Tradition. Pioniere wie Carl Ben Eielson, der 1924 den ersten Postflug absolvierte und fünf Jahre später vor der sibirischen Küste abstürzte, haben hier eine ähnlich mythenschaffende Bedeutung wie anderswo in den USA die Cowboys. In den Anfangszeiten der Buschfliegerei ging es nämlich noch weit abenteuerlicher zu. Große Teile des Landes waren unbekannt, nicht kartiert und voller weißer Flecken, die Maschinen winzig und mit offenen Cockpits ausgestattet.

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Das alles brachte den frühen Flugpionieren den Ruf wahrer Helden ein und lässt sie bis heute Inspiration sein für Flieger in aller Welt. Und auch Don verspürt selbst nach Jahrzehnten der Buschfliegerei noch immer ein bisschen Abenteuerlust, wenn seine kleine Piper mal wieder abhebt von einer der unzähligen Kiesbänke oder Wasserflächen, irgendwo in der menschenleeren Wildnis Alaskas.

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